05.09.2026 · Wissenskultur
Das Schmiermittel für gutes Wissensmanagement
Auf die Idee für diesen Artikel bin ich durch ein YouTube-Short des Hosenherstellers Fusein gekommen. Darin stellt er sein Design vor: vergleichsweise weite Hosen, wie sie vor rund 100 Jahren üblich waren. Dieser „klassische“ Schnitt soll sowohl gut aussehen als auch angenehm zu tragen sein.
Seine Rückkehr zu diesem Design erklärt Fusein damit, dass sich die Hose den natürlichen Bewegungen des Körpers anpassen soll. Reibung zwischen Haut und Stoff, sowie unangenehmes Spannen oder Drücken, wie es bei modernen engen Hosen die Regel ist, soll so vermieden werden. Dort, wo Hose und Haut häufig in Kontakt kommen, fügt Fusein zusätzliche Stofflagen ein, um die Reibung möglichst zu verringern.
Dieses Prinzip ist übrigens auch im Ingenieurswesen gut bekannt.
Um die Reibung zwischen beweglichen Teilen einer Maschine zu reduzieren, kommt ein Schmiermittel zum Einsatz. Die Fette oder Öle sorgen dafür, dass sich die einzelnen Komponenten gegeneinander bewegen können. Ohne diese Zwischenschicht würden die Teile ständig aneinander reiben und schnell verschleißen.
Und nicht zuletzt lässt sich das Prinzip der Vermeidung von Reibung auch in der menschlichen Kommunikation wiederfinden.
Reibung in der Kommunikation
Dass Fusein seine „reibungslosen“ Hosen gerade in Japan designt und herstellt, ist vielleicht kein Zufall.
Die japanische Kultur wird meist als besonders höflich, vorsichtig und rücksichtsvoll beschrieben – sicher zu Recht. Im alltäglichen Umgang gibt es kulturelle Formen, die offene Konfrontation möglichst vermeiden.
Dazu kann gehören, eine Ablehnung nicht direkt auszusprechen oder Kritik indirekter zu formulieren. Statt einem eindeutigen „Nein“ gibt es die Floskel „Das könnte schwierig werden“. Auch Gesten, Pausen oder der Kontext können eine Bedeutung tragen, die nicht explizit ausgesprochen wird (kuuki wo yomu, 空気を読む – wörtlich „die Luft lesen“, sinngemäß die Stimmung erfassen).
Das kann im sozialen Umgang sehr gut funktionieren. Es hat aber auch eine Kehrseite.
Wer Reibung um jeden Preis vermeiden möchte, kann dadurch neue Reibung erzeugen. Was zunächst höflicher und angenehmer erscheint, kann für jemanden, der die entsprechenden Konventionen nicht kennt, zu Missverständnissen führen. Reibung zu vermeiden ist also nicht die Lösung für jedes Problem.
Produktive Reibung
In Deutschland hingegen wird direkte Kommunikation im Vergleich zur indirekten häufig höher bewertet, insbesondere in der Arbeitswelt. Offenheit und Ehrlichkeit gelten als wünschenswert, auch wenn eine solche Kommunikation manchmal unangenehm sein kann. Wenn man aber einmal weiß, woran man ist, kann ein ehrlicher Austausch zu äußerst produktiven Diskussionen führen.
Reibung oder die Vermeidung von Reibung ist also auch in der Kommunikation kein Selbstzweck, sondern sollte möglichst zielführend eingesetzt werden. Produktive Reibung kann notwendig sein. Vermeidbare Reibung ist dagegen schlicht Verschwendung von Energie.
Reibung als Kostenfaktor
Damit sind wir bei Unternehmen und ihrem Umgang mit Wissen. Nehmen wir an, ein Mitarbeiter benötigt Informationen, um seine Arbeit zu erledigen. Die Informationen sind da, der Mitarbeiter kann aber nicht darauf zugreifen – aus verschiedenen Gründen.
Vielleicht liegt die Information in einem internen Dokument, von dem er nichts weiß. Vielleicht hat er darauf keine Berechtigung und weiß nicht, wen er fragen soll. Vielleicht wurden die benötigten Informationen bisher nicht niedergeschrieben und befinden sich nur im Gedächtnis eines Kollegen.
Egal, was der Grund ist, entsteht in dem Unternehmen nun zwangsläufig Reibung, und zwar zum einen in Form von Suchkosten. Dies ist die Zeit, die der Mitarbeiter dafür aufwenden muss, die benötigte Information zu finden. Zum anderen steigt die mentale Belastung, wenn er immer wieder nicht weiß, wo eine Information liegt oder wen er fragen muss.
Das Schmiermittel heißt Transparenz
Wenn Reibung zwischen beweglichen Teilen einer Maschine durch Öl reduziert werden kann, braucht auch der Umgang mit Wissen ein entsprechendes Schmiermittel.
Dieses Schmiermittel heißt Transparenz. Damit Abläufe möglichst reibungslos laufen, muss klar sein, welches Wissen existiert, wo es liegt, wer zum Zugriff berechtigt ist oder wer den Zugriff autorisieren muss.
Hierbei geht es ausdrücklich nicht darum, sämtliche Informationen für alle Mitarbeiter freizugeben.
Natürlich gibt es Wissen, das nicht jedem zugänglich sein soll. Datenschutz, Geschäftsgeheimnisse, Personalinformationen oder andere sensible Inhalte erfordern Einschränkungen. Aber auch Beschränkungen sollten transparent sein.
Ein Mitarbeiter sollte möglichst klar erkennen können, auf welche Arten von Wissen er aufgrund seiner Rolle Zugriff hat und welche Bereiche für ihn nicht zugänglich sind. Fehlt eine Information, sollte nachvollziehbar sein, dass dies eine bewusste Zugriffsbeschränkung ist und kein Versäumnis.
Das Ziel ist also maximale Klarheit über die vorhandene Offenheit und ihre Grenzen. Nicht maximale Offenheit um jeden Preis.
Nicht jede Reibung muss beseitigt werden
Reibung ist also nicht grundsätzlich schlecht, nicht in der Kommunikation und nicht im Maschinenbau, solange sie kalkuliert ist. Sie sorgt ja auch beispielsweise dafür, dass ein Auto überhaupt bremsen kann. (Die Frage, wo Reibung in der Modewelt erwünscht sein kann, überlassen wir an der Stelle Fusein.)
Genauso ist es in Unternehmen. Nicht jede Nachfrage ist unnötig und nicht jede Information muss jedem Mitarbeiter sofort zur Verfügung stehen. Problematisch ist die vermeidbare Reibung. Diese zu erkennen und zu beseitigen zeugt von gutem Wissensmanagement.