11.08.2026 · Wissenskultur
Wissen weitergeben – oder bei Null beginnen
Mein erster Blogpost zum Thema Dokumentieren und Wissensmanagement war bewusst romantisierend. Ich wollte darauf hinweisen, dass es einfacher ist, etwas zu dokumentieren, niederzuschreiben, wenn man sich ein Gegenüber vorstellen kann, das vom eigenen verschriftlichten Wissen immens profitieren kann und vermutlich sehr dankbar sein wird.
Ja, wo wären wir als Menschheit, wenn es nicht immer wieder die gäbe, die den Drang verspüren, ihr Wissen zu teilen, anderen zur Verfügung zu stellen, auch ganz ohne das Verlangen nach einer Gegenleistung?
Sicher, nicht jeder ist so idealistisch, aber das braucht es auch nicht. In einer Firma geht es natürlich darum, Profit zu erwirtschaften, und Wissen ist dabei hoffentlich – wie jeder andere Bereich der Firma – eine bewusst gepflegte und kuratierte Ressource. Gleichzeitig entsteht viel Wissen in kleinen Kreisen und wird auch nur dort weitergegeben. Es dient dazu, diesen Kreis am Leben zu erhalten. Aber auch dafür braucht es eine Motivation, einen Willen oder schlicht einen Wert, den man darin sieht.
Hier muss ich zurückdenken an meine Zeit als Student an der Universität Freiburg, an das kleine Slawische Seminar und die Fachschaft. Ich hatte es so erlebt, dass ich an die Uni kam und die Fachschaft eigentlich nicht bestand.
Wer es nicht weiß: Eine Fachschaft ist der übliche Rahmen für Studenten eines Fachbereichs, sich zu organisieren und sich aus Sicht der Studenten in die Belange des Fachbereichs einzubringen.
Über mehrere Jahre hinweg fanden sich Studenten, die die Fachschaft praktisch bei null aufbauten und nach und nach Veranstaltungen (neu) etablierten – für sich und die anderen Studenten des Seminars. Dazu gehörten vor allem die Ersti-Woche sowie das Sommer- und das Winterfest.
Es gab hier einen harten Kern, der sich eigentlich immer kümmerte, und der zog natürlich auch andere Studenten an, die sonst vielleicht weniger von selbst gemacht hätten. Klar, dass dabei Erfahrungen gesammelt wurden, die dann von Semester zu Semester verfeinert wurden.
Doch, oh weh, die Zeit nahte, da der harte Kern das Seminar verlassen würde. Irgendwann ist eben Schluss mit dem Studentenleben. Und, oh weh, oh weh, es sah so aus, als würde kein harter Kern nachrücken, der bereit war, das Zepter zu übernehmen und die Geschäfte der Fachschaft fortzuführen. Ich wollte aber nicht, dass unsere Arbeit umsonst gewesen war – dass wir, wie Sisyphos, den Stein mühsam den Berg hinaufgerollt hatten, nur damit er am Ende wieder hinunterrollt.
Da lag es in meinen Augen nahe, die Erfahrungen der letzten Jahre niederzuschreiben, auf dass sie motivierte Leute – vielleicht erst nach ein, zwei oder drei Semestern – finden würden und diese es als ihre Pflicht betrachten würden, die alten Traditionen fortzuführen und keinen Bruch entstehen zu lassen.
Ironischerweise begann kurz darauf die Corona-Zeit. Ich war fertig mit dem Studium, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es dann weiterlief. Wahrscheinlich kam es zum Bruch, den ich vorausahnte, und der Stein rollte den Abhang hinunter.
Die Dokumentation stellten wir leider auch nicht fertig. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es mittlerweile jemanden am Slawischen Seminar gab, der sich gewünscht hat, etwas von seinen „Vorfahren“ vorzufinden. Vielleicht hätte diese Person dann nicht von vorne beginnen müssen, sondern hätte auf den Erfahrungen der vorherigen Generationen aufbauen können.
Die erste Eigenschaft von Wissen, das nicht aufgeschrieben wird: Irgendwann ist es weg – und jemand muss wieder bei nahe null anfangen.